Mit dem Krupp Schülerstipendium nach England – eine Schülerin erzählt

Wenn Krupp dich in die Fremde schickt- weshalb ich einen Monat nur englisches Brot aß

„Du verbringst einen Monat wo?“, fragten meine Freunde mit großen Augen und musterten mich ungläubig. „In England“, antwortete ich und grinste etwas unsicher. „Ich werde bei einer Gastfamilie in Camberley wohnen und bei der Siemens-Filiale arbeiten“, fuhr ich fort und erntete noch größeres Unverständnis. Camberley war eine kleine Stadt, etwa 40 Kilometer von London und niemand schien je von ihr gehört zu haben. Ich verstand die Sorge meines Umfeldes, teilte die Bedenken. Es war ein Krupp Schülerstipendium für Praktika im Ausland, welches mich nach England führen sollte, eine völlig ungeahnte, aufregende Möglichkeit. Schneller als gedacht kam der 18.März 2013 in Sichtweite und mit ihm schließlich das Flugzeug. So sah ich mich mit meinen siebzehn Jahren zum allerersten Mal auf mich allein gestellt, dazu noch in einem fremden Land und vor der Aufgabe mich in der Arbeitswelt einer großen Firma einzugliedern!

Ankunft

Stephanie, meine künftige Mentorin bei Siemens und erste Kontaktperson empfing mich mit einem strahlenden Lächeln und die Gewissheit, dass ich die nächsten Tage oft mit dieser jungen Engländerin zu tun haben würde, brachte erste Erleichterung mit sich. Kaum eine Stunde im Flieger, sah ich mich nun einer neuen Welt gegenüber und stellte freudig fest, dass die Sprache mir kaum Probleme bereitete. Meine Mentorin brachte mich sogleich zu meiner künftigen Gastfamilie, welche sich als ein älteres, liebenswürdiges Ehepaar herausstellte. Lily und Norman schienen von gemütlicher Herzlichkeit und so kam es, dass mir in den nächsten Wochen regelmäßig  eine Tasse Tee als auch ein Übermaß an Essen angeboten wurden. Ich traf es glücklich mit ihrem großen, klassisch eingerichteten Haus, welches sich nahtlos in das Bild der gesamten Kleinstadt fügte: Camberley ist eine Gegend voller Wälder, gesprenkelt mit großzügigen Familienhäusern im alten Landbaustil. Ich hatte keine Probleme mich mit meinen Gasteltern zu unterhalten und rasch Freundschaft zu schließen, mich erwartete mein eigenes Zimmer samt Bad und der Bus zur Arbeit war keine zehn Minuten entfernt.

Siemens

Am Tage nach meiner Ankunft wurde ich auch schon mit meinem neuen Praktikum vertraut gemacht, es brauchte nur wenige Minuten und ich stand vor der Siemens Hauptfiliale Englands:

 Bild 1

Es war abermals meine Mentorin Stephanie, die mir hier Halt gab. Mein erster Tag bestand aus Rundführungen, Vorstellungen und zahllosen Erklärungen. Tatsächlich würden derlei Beschäftigungen meinen Aufenthalt in der Siemens-Filiale entscheidend prägen. Diese bestand aus gleich mehreren großen und äußerst modernen Gebäuden. Tatsächlich bedurfte es einer Karte um Türen zu öffnen oder in der wunderbaren Kantine oder im firmeneigenen Starbucks etwas zu kaufen. Auch die Arbeitsplätze waren je nach Bereich sortiert und die entsprechenden Teams in sogenannten benches geordnet. Mein zukünftiger Arbeitsbereich beschäftigte sich mit Talent-Management, ein Bereich, über den ich zu Beginn überhaupt nichts wusste. Meine Arbeitszeiten erstreckten sich von 9.00 Uhr bis 16.30 Uhr, eine 45-minütige Mittagspause mit einbezogen.

Meine Praktikumsaufgaben

Siemens stellte sich rasch als ein ungeahnt riesiger Komplex heraus und man tat sein Bestes mich mit dem Gröbsten vertraut zu machen: Ich wurde herumgeführt, lernte zahlreiche Mitarbeiter kennen und mir wurde jede Frage geduldig beantwortet. Hier in England sprachen sich alle mit dem Vornamen an, was rasch zu einer vertrauten, angenehmen Atmosphäre führte. Mein Team bestand vorwiegend aus Frauen, es waren beeindruckend viele junge Mitarbeiter eingestellt und wirklich jeder benahm sich freundlich und hilfsbereit! Schnell stellte sich heraus, dass dieses Praktikum nicht auf Kaffee-Kochen und Aufräumen fixiert war, ganz im Gegenteil: Die meiste Zeit über wollte man mich unterrichten, ich lernte Dinge über die Organisation der Firma, verschiedene Businessthemen und Hintergründe kennen. Man nahm mich mit zu Besprechungen, ich durfte Arbeitsgeräte der Gesundheitsabteilung bestaunen, spezielle Lerncomputerspiele für Angestellte ausprobieren und auf der Siemensinternen Website hatte ich weiterbildende Rechercheaufgaben zu erfüllen. Viele Stunden verbrachte ich allerdings mit einem etwas öden Workbook für Talentmanager, doch es war weniger kompliziert als befürchtet. Ich durfte schließlich einfache Emails an ausgewählte Universitäten schreiben, welche mit Siemens in Verbindung standen. Ich erstellte einen Zeitplan für die Interviews mit Studenten, welche sich bei Siemens beworben hatten und durfte zusätzlich bei einem Assessmentvorgang dabei sein! Natürlich geschah dies alles unter Hilfestellung, ich hatte niemals das Gefühl hilflos oder auf mich alleine gestellt zu sein.

Ausflüge

Nicht, dass mich in diesem Monat jemals Langeweile überkommen hätte! Zusätzlich zu dem bunten Lehrprogramm in Siemens hatte man spezielle Ausflüge für mich vorbereitet. So verbrachte ich gleich in meiner zweiten Woche drei Tage in Manchester, um dort einem Businesskurs für Präsentationen beizuwohnen. Dieser Kurs fand zusammen mit acht weiteren Academy Studenten statt, welche bei Siemens eine Art Fachhochschule absolvierten und dort gemeinsam mit mir je ein Hotelzimmer bezogen.  Es war für mich das erste Mal, ein Hotelzimmer ganz für mich zu haben und die Tage in Manchesters Siemensgebäude (siehe Foto), wurden für mich zu einer ganz neuen Herausforderung!

Bild 2

Umgeben von den jungen, englischsprachigen Studenten, inmitten eines professionellen Businesskurses wäre womöglich jeder nervös geworden! Es war mir freigestellt mich zu beteiligen, doch die Lehrerin stellte sich als wirklich fähig heraus und ich beschloss die ungewöhnliche Chance zu nutzen und hielt gleichsam mit den anderen zwei kurze, rasch vorbereitete Präsentationen ab. Ich bekam liebenswürdigstes Feedback, alle erkannten meinen Versuch als mutig an und ich denke, ich habe nichts daran zu bedauern. In Manchester besichtigten ich und meine Begleiterin aus dem Büro auch eine der Produktionsstätten, ich erhielt eine Rundführung zwischen Fließbänden und komplizierten Geräten hindurch, wurde hierzu sogar in einen professionellen, weißen Kittel gehüllt!

Bild 3

Freizeit

Die Tage und Wochen verflogen unvermutet rasch, reihten sich aneinander wie bloße Stunden. Dies lag eindeutig an der Aufregung, welche mich andauernd erneut ergriff. So gestaltete Stephanie nicht nur volle Arbeitstage, sondern auch zahlreiche Unternehmungen für mich. Es ist tatsächlich beeindruckend, was man in derart kurzer Zeit an neuen Dingen kennen lernen kann! Gemeinsam mit den Kolleginnen aus meinem Bürobereich gingen wir essen, zu meinem Willkommen beim Italiener, zu meinem Abschied beim Japaner. Ich sah einen englischen Film im Kino, aß in einem englischen Kaffee köstlichen Kuchen und ging bowlen mit den Academy Studenten. An einem Wochenende besichtigten wir auch London, ein unvergesslicher Samstag! Wir besichtigten dort das Natural history museum, welches selbst den mürrischten Zweitklässler für Tiere interessiert gemacht hätte. Zudem erfüllte ich mir einen Kindheitswunsch und besuchte einen Teil des Harry-Potter-settings in King´s Cross. Ich ging einkaufen bis ich wahrhaft für die ganze Familie Geschenke hatte und genoss die riesigen Länden der Londoner city. Auch mit meiner Gastfamilie wurde mir nicht allzu schnell langweilig; da ich über Ostern blieb, lernte ich dort deren gesamte Familie kennen, samt den kleinen Enkelkindern und Hunden! Wir gingen spazieren in Camberleys Wäldern und besichtigten ein altes Aristokratenhaus, welches zu den sogenannten national trust houses gehörte und mir prächtig wie ein Schloss erschien. All diese Unternehmungen, die andauernde Aufregung ließen keine Langeweile zu und ergriff mich mal die Sehnsucht nach Deutschland, so zog es mich rasch vor meinen Computer, die Mails und die Webcam.

Fazit

Ich fühlte mich wohl in England, man kann es nicht anders sagen. Ich wurde aufgenommen in eine fremde Umgebung, gewöhnte mich rasch an die fremde Sprache und genoss die ausgesprochene Herzlichkeit der Einheimischen! Es war eine gänzlich neue, bereichernde Erfahrung und so habe ich nun nicht nur Entscheidendes über die tatsächliche Arbeitswelt gelernt, sondern auch über eine fremde Kultur, über Menschen, die Tee mit Milch trinken, ihren Chef mit dem Vornahmen anreden und eine junge Praktikantin mit Krupp-Stipendium mit einem breiten Lächeln aufnehmen und unterweisen. Wenn ihr offen und umgänglich seid, neugierig auf ein neues Land, so kann ich euch allen nur empfehlen die Möglichkeit dieses Stipendiums wahrzunehmen!

(Josephine Kullat)